Natur und Erholung in Süssau: Steilküste, Wanderwege & Vogelwelt
Natur und Erholung in Süssau
Süssau ist klein – 29,42 km² misst die Gemeinde Heringsdorf mit ihren elf Ortsteilen, zu denen Süssau gehört. Wer hier Urlaub macht, sucht keine großen Attraktionen, sondern eine der abwechslungsreichsten Küstenlandschaften Ostholsteins. Die Steilküste, die sich westlich von Heiligenhafen bis nach Grömitz zieht, die Wälder und das Hinterland der Wagrischen Halbinsel bieten mehr Entdeckungen, als man auf den ersten Blick vermutet.
Die Steilküste: Ein aktives Kliff aus der Eiszeit
Die Steilküste zwischen Grömitz und Heiligenhafen ist ein aktives Kliff („lebende Steilküste”) – sie wird ständig durch Wellenschlag und Witterung abgetragen. Das Material stammt aus der Weichsel-Eiszeit, die vor etwa 15.000 bis 17.000 Jahren endete. Die Gletscher hinterließen Geschiebemergel: ein Gemisch aus Lehm, Sand, Kies und Findlingen, das bis zu 20 Meter hoch aufragen kann. Zum Vergleich: Das bekanntere Brodtener Ufer bei Travemünde erreicht bis zu 25 Meter.
Ein besonders eindrucksvoller Abschnitt liegt beim Stiftungsland Johannistal, etwa 15 Kilometer nordöstlich von Süssau. Hier erreicht die Steilküste bis zu 22 Meter Höhe. Die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein bewirtschaftet die 200 Hektar mit Galloway-Rindern ganzjährig. Auf den Kalktrockenrasen wachsen seltene Pflanzen wie die Heilwurz, die weltweit nur an Kalksteilküsten der Ostsee vorkommt. Insgesamt wurden hier 170 Pflanzenarten gezählt, 80 davon stehen auf der Roten Liste, sowie über 100 Wildbienen- und Hummelarten.
Näher an Süssau liegt der Ortsteil Kalkberg der Gemeinde Heringsdorf – der Name deutet auf kalkhaltige Ablagerungen hin, möglicherweise Kreidekalk, ähnlich (wenngleich weniger spektakulär) den Kreidefelsen auf Rügen.
Die Erosion schreitet durchschnittlich 50 bis 100 Zentimeter pro Jahr voran, vor allem bei Herbst- und Winterstürmen. Die Sturmflut vom 20./21. Oktober 2023, das schwerste Ostseesturmhochwasser seit 1872, hat auch an diesem Küstenabschnitt deutliche Spuren hinterlassen. Der Wanderweg zwischen Kellenhusen und Dahme wurde damals zerstört und wird voraussichtlich bis Sommer/Herbst 2025 wiederhergestellt.
Wandern: Von Süssau hinaus in die Umgebung
Speziell für Süssau und Heringsdorf gibt es keine eigenen Wanderrouten auf den gängigen Plattformen – die Gegend ist zu klein. Aber die Nachbarorte Grömitz (181 Routen auf Komoot) und Kellenhusen (102 Routen) sind schnell erreichbar. Das Gelände ist flach (maximal 50 Höhenmeter), ideal für ausgedehnte Tagestouren.
Küstenwanderung Süssau – Weißenhäuser Strand
Von der Süssauer Seebrücke führt ein Weg nach Norden, oberhalb der Steilküste entlang, etwa fünf Kilometer einfach bis zum Weißenhäuser Strand. Der Weg verläuft teils am Feldrand, teils auf schmalen Pfaden durch Dünenvegetation mit Sanddorn und Strandhafer. Bei klarem Wetter reicht der Blick über die Lübecker Bucht bis zur Insel Fehmarn. Festes Schuhwerk ist ratsam – bei feuchtem Wetter werden die Lehmwege glatt.
Kellenhusener Forst (ca. 8 km südwestlich)
Der 600 Hektar große Mischwald zwischen Kellenhusen und Grömitz ist das größte zusammenhängende Waldstück der Region. Hier verlaufen mehrere beschilderte Wege:
- Waldlehrpfad mit 23 Informationstafeln, vorbei an einem Wildschweingehege, Waldteich und Spielplatz.
- Fledermauslehrpfad: Ein extra angelegter Pfad informiert über die heimischen Fledermausarten. Der BUND Ostholstein führt Kellenhusen als offiziellen „Fledermaus-HotSpot”.
- Königseiche (King’s Oak): Eine bis zu 1.000 Jahre alte Eiche, die einem Sturm zum Opfer fiel. Der Legende nach ruhte sich ein dänischer König auf der Durchreise unter ihr aus. Der mächtige Stamm liegt heute am Boden und verrottet. Ein Gedenkstein nebenan ist durch Witterung nicht mehr lesbar.
- Kroneiche: Galt als größte Eiche Schleswig-Holsteins (knapp 40 Meter hoch, etwa 600 Jahre alt). Sie trug 1987 letztmals Blätter und stürzte 2002 nach einem Sturm um.
- Sturmflut-Gedenkstein 1872: Eine Wasserstandseiche markiert den Pegel der schwersten Ostseesturmflut der Neuzeit. In der Nacht zum 13. November 1872 erreichte das Wasser in Travemünde 3,3 Meter über Normalnull. 271 Menschen starben entlang der gesamten Ostseeküste, über 15.000 wurden obdachlos. Der Deichbruch bei Kellenhusen und die folgende Vermessung und der Wiederaufbau gelten als eigentlicher Auslöser für die Entwicklung Kellenhusens zum Ferienort.
Empfehlenswerte Route: „Kellenhusener Forst – Hundewald Kellenhusen Runde” (Komoot, 8,2 km, ca. 2 Stunden, einfach). Oder von Kloster Cismar aus: „Kloster Cismar – Kellenhusener Wald Runde” (16,8 km, ca. 4 Stunden).
Naturlehrpfad Heringsdorf
Rund um Heringsdorf gibt es einen beschilderten Naturlehrpfad, der etwa acht Kilometer lang ist und die kulturellen und natürlichen Highlights der Gemeinde verbindet: die Großsteingräber bei Süssau (Sprockhoff-Nummern 278 und 279, jungsteinzeitliche Megalithanlagen der Trichterbecherkultur, über 5.000 Jahre alt), die Steilküste und die Feuchtwiesen im Landesinneren. Der Pfad ist mit Informationstafeln zu Geologie, Flora und Fauna ausgestattet.
Längere Wanderungen
Von Süssau lässt sich eine Tagestour zum Kloster Cismar unternehmen, dem bedeutendsten Bauwerk lübischer Frühgotik in Ostholstein (ca. 8 Kilometer südwestlich). Das 1245–1330 erbaute Benediktinerkloster beherbergt den Cismaraner Altar, einen der ältesten erhaltenen Flügelaltäre weltweit, um 1315 in einer Lübecker Schnitzerwerkstatt gefertigt. Das Klostercafé im ehemaligen Speisesaal der Mönche ist von April bis Oktober geöffnet. Jedes Jahr am zweiten August-Wochenende lockt das Klosterfest mit Kunsthandwerk und Musik zehntausende Besucher an.
Vogelbeobachtung: Die Naturschutzgebiete der Region
Die Ostseeküste zwischen Grömitz und Fehmarn gehört zu den bedeutendsten Rast- und Brutgebieten Schleswig-Holsteins. Direkt vor der Haustür liegen mehrere Schutzgebiete von überregionaler Bedeutung.
Graswarder (Heiligenhafen, ca. 20 km nordöstlich)
Der 230 Hektar große Graswarder ist eine Halbinsel, die erst in den 1950er Jahren durch Küstendynamik mit dem Steinwarder zusammenwuchs. Seit 1987 steht sie als Naturschutzgebiet unter Schutz. Etwa 40 Brutvogelarten und bis zu 180 Wintergäste wurden hier gezählt. Besonders bemerkenswert: die größte Sturmmöwen-Kolonie im gesamten Ostseeraum. Auch Brandgänse, Säbelschnäbler, Austernfischer, Zwergseeschwalben und Sandregenpfeifer brüten hier.
Der NABU betreibt auf dem Graswarder ein Informationszentrum in einem Blockhaus und bietet von Ostern bis Oktober naturkundliche Führungen an. Ein 12 Meter hoher Aussichtsturm gibt den Blick frei auf Heiligenhafen, die Fehmarnsundbrücke und die vorgelagerten Wattflächen.
Weißenhäuser Brök (ca. 10 km nördlich)
Dieses 57 Hektar große Naturschutzgebiet direkt an der Ostsee ist eine Dünenlandschaft mit besonderer Bedeutung für Insekten (Wildbienen, Käfer). Es liegt direkt am Weg, wenn man von Süssaus Steilküste nach Norden wandert.
Oldenburger Bruch (ca. 15 km nordwestlich)
Mit 358 Hektar ist das Oldenburger Bruch das größte Binnenschutzgebiet in der Nähe. Über 120 Vogelarten wurden hier nachgewiesen: Kiebitz, Neuntöter, Braunkehlchen, Sprosser (die nordöstliche Nachtigall) und Rohrweihe. Das Gebiet wird vom NABU betreut und ist über beschilderte Wege zugänglich.
Stiftungsland Johannistal
Das 200 Hektar große Stiftungsland zwischen Heiligenhafen und Oldenburg wurde bereits erwähnt – es ist nicht nur botanisch, sondern auch für Vogelbeobachter interessant. Hier brüten Merlin, Kornweihe, Wanderfalke und Rotschenkel. Die Uferschwalben-Kolonie in der Steilküste gehört zu den größten Schleswig-Holsteins.
Das Grüne Band
Das Grüne Band – Deutschlands größter Biotopverbund auf 1.393 Kilometern entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze – beginnt in Travemünde, etwa 25 Kilometer südwestlich von Süssau. Der direkte Küstenabschnitt bei Süssau war zwar nicht Grenzgebiet, aber die Nähe zu diesem Biotopverbund zeigt sich in der Artenvielfalt der Region. Über 1.200 seltene Tier- und Pflanzenarten sind entlang des Grünen Bandes nachgewiesen.
Was man wann sehen kann
Die Zugvogelsaison erreicht ihren Höhepunkt im Herbst (September–November), wenn über 9 Millionen Vögel die Ostsee als Rast- und Überwinterungsgebiet nutzen. Im Frühjahr (März–Mai) kehren die Zugvögel aus ihren Winterquartieren zurück. Ganzjährig sind Eiderenten, Mittelsäger, Kormorane, Silbermöwen und seit einigen Jahren zunehmend auch Seeadler an der Küste zu beobachten.
Radfahren auf dem Ostseeküstenradweg
Der Ostseeküstenradweg (EV10 / D-Route 2) führt auf 438 Kilometern von Flensburg bis Travemünde durch Schleswig-Holstein. Süssau liegt auf Etappe 10, die auf rund 50 Kilometern von Großenbrode nach Grömitz führt.
Die Etappe durch Süssau
Die Strecke ist überwiegend asphaltiert und durchgehend mit dem blauen Ostseeküstenradweg-Logo ausgeschildert. Von Osten nach Westen:
- Großenbrode (Erlebnispromenade, Vital-Parcours, Strandbar)
- Dahme (breiter Sandstrand, Seebrücke, traditionsreiches Seebad)
- Kellenhusen (Seebrücke, 600 ha Forst, Discgolf-Anlage – die größte Deutschlands direkt am Meer)
- Süssau (kurtaxenfreier Naturstrand, Seebrücke)
- Grömitz (größtes Ostseebad der Region, 8 km Strand, Yachthafen, Erlebnisbad „Grömitzer Welle”)
Die gesamte Strecke ist für Freizeitradler geeignet, einige Abschnitte sind leicht hügelig. Bahnanschlüsse mit Fahrradmitnahme gibt es in Neustadt i.H., Sierksdorf, Haffkrug, Scharbeutz und Travemünde.
Hinweis: Der Abschnitt zwischen Kellenhusen und Dahme ist durch die Sturmflut 2023 beschädigt – eine Umleitung ist ausgeschildert.
Tagestouren ab Süssau
- Süssau → Grömitz und zurück: etwa 36 km, flach, über Kellenhusen und den Forst.
- Süssau → Kloster Cismar → Grömitz → Süssau: etwa 25 km, vorbei am Kloster Cismar (Klostercafé!), durch den Kellenhusener Forst, am Lensterstrand entlang.
- Süssau → Heiligenhafen und zurück: etwa 40 km, Richtung Nordosten über Dahme und Großenbrode, mit Abstecher zum Graswarder (NABU-Infocenter, Aussichtsturm).
Die Tourismuskooperation Ostseespitze.de bietet eine kostenlose Radfahrbroschüre als PDF mit allen Routen der Region.
Ausflugsziele in der Umgebung
Gut Görtz (ca. 2 km nordwestlich von Heringsdorf)
Das neugotische Herrenhaus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ist zwar privat genutzt und nicht zugänglich, aber der Hof ist öffentlich. Das Hofcafé im ehemaligen Jungviehstall serviert Kuchen, Brote und deftige Eintöpfe aus der hofeigenen Backstube (Di–So, 11–18 Uhr). Im Hofladen gibt es selbst geräucherten Schinken, regionale Wurst, Honig und Marmeladen. Für Kinder gibt es Schaukeln, Kletterturm und Kettcars. Regelmäßig finden Kunstausstellungen mit regionalen Künstlern statt. Der Eintritt ist frei.
Gut Siggen (nördlich von Süssau, fußläufig erreichbar)
Erstmals 1282 urkundlich erwähnt, ist Gut Siggen eines der ältesten Güter Ostholsteins. Der Hamburger Kaufmann Alfred Toepfer erwarb es 1932. Heute gehört es zur Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. und dient als Seminarzentrum – ein Rückzugsort für Konferenzen zu Naturschutz, nachhaltiger Landwirtschaft und Kultur. Historisch wurde Süssau erst durch die Aufsiedlung der Gutsländereien in den 1930er Jahren als eigenständiger Ort gegründet. Das Gut liegt direkt nördlich von Süssau und ist zu Fuß oder mit dem Rad in wenigen Minuten erreichbar.
Kloster Cismar (ca. 8 km südwestlich)
Das 1245–1330 erbaute Benediktinerkloster ist das bedeutendste Bauwerk norddeutscher Backsteingotik in Ostholstein und die größte mittelalterliche Abtei der Region. Der Cismaraner Altar von 1315 ist einer der ältesten erhaltenen Flügelaltäre weltweit. Das Kloster ist Dependance der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf. Der Eintritt in die Außenanlagen ist frei, Führungen durch die Kirche werden von April bis Oktober angeboten (Mi und Sa, 17 Uhr).
Quellen und weiterführende Links
- Wikipedia – Heringsdorf (Ostholstein)
- Wikipedia – Brodtener Ufer
- Wikipedia – Graswarder
- Wikipedia – FFH-Gebiet Küstenlandschaft Nordseite der Wagrischen Halbinsel
- Wikipedia – Ostseesturmhochwasser 1872
- NABU – Vögel der Ostseeküste
- NABU – Graswarder Heiligenhafen
- Stiftung Naturschutz SH – Johannistal
- Komoot – Wandern rund um Kellenhusen
- Komoot – Wandern rund um Grömitz
- Ostsee SH – Ostseeküstenradweg
- Wikivoyage – Ostseeküsten-Radweg (SH)
- Kloster Cismar
- Gut Görtz
- Alfred Toepfer Stiftung – Gut Siggen
- Ostseespitze – Radfahrbroschüre (PDF)
- NDR – Kloster Cismar